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aktuelles Amtsblatt Ausgabe Nr. 4/2012 vom 16.05.2012

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Der Hauslehrer von Werftpfuhl

Der Hauslehrer von Werftpfuhl
Von Rudolf Schmidt

Die 1928 zu Hirschfelde eingemeindete Siedlung Werftpfuhl hat eine weit zurückliegende Geschichte. Sie gehörte zu denjenigen askanischen Gründungen, die sich nicht halten konnten. Schon Mitte des 14. Jahrhunderts war sie vollkommen entvölkert und das Carolinische Landbuch spricht von ihr nur als einer gänzlich wüsten Dorfstelle. Die Feldmark von 36 Hufen wurde aufgeteilt. Viele Morgen bedeckten sich mit Wald. Den Löwenanteil an dem alten Dorfbesitz erhielt Leuenberg und von hier aus wurde Werftpfuhl als Vorwerkswirtschaft betrieben. Später hat man das Vorwerk verpachtet. Um 1845 besaß es der Amtmann Friedrich Conrad Berninghausen, der eine große Familie hatte und sich einen Hauslehrer zur Unterrichtung seiner Kinder hielt. Dieser hieß Martin Anton Niendorf. Geboren am 24.2.1826 als 5. und jüngster Sohn des Ackerbürgers Joh. David Niendorf in dem Zauchestädtchen Niemegk, bestimmten ihn die Eltern wegen seiner auffallenden Lernbegabung zum Lehrerberuf. Seine Ausbildung erhielte er im Lehrerseminar in Potsdam, das damals unter Leitung des bekannten und hochverdienten Schulrats W. von Türk stand. Dann aber hieß es, sein Brot selbst zu verdienen. So nahm Niendorf die Hauslehrerstelle in Werftpfuhl an. Viel warf sie nicht ab, aber hier konnte sich Niendorf auf weitere Examina vorbereiten. Dazu war er in einer landschaftlich besonders schönen Gegend untergebracht. Seinem empfänglichen Gemüht gab diese herrliche Natur immer wieder neue Anregungen, zumal er auf dem besten Wege war, ein Dichter von Ruf seiner märkischen Heimat zu werden. An den Sommerfesten, die im Gamengrund und an den Ufern des herrlichen Sees stattfanden, nahm er besonderen Anteil; und er hat auch F. W. Schmidts, des Dichterpfarrers von Werneuchen, Verdienste um die Ausgestaltung dieser ländlichen Feste gekannt. Natürliche Empfindungen und eine wahrhaft poetische Ader stempelten ihn zum geborenen Dichter. Im nahen Tiefensee hatte er – und das gehört nun einmal zu einem jungen Dichter – auch seine erste Liebe gefunden: seine Heideblume von Tiefensee:


Zu dir muß ich wandern von nah und weit,
Du bist mein Gedanke zu aller Zeit.
Kein Sonn’ ist zu brennend, kein Berg mir zu steil,
Kein Freund mir so wert, keine Stunde mir feil,
Kann ich nur stehen in deiner Näh,
Du Heideblume von Tiefensee.


Es besteht kein Zweifel, dass der Dichter in Werftpfuhl auch den Gedanken gefasst und den hauptsächlichen Stoff gesammelt hat, zu seinem „Cyklus märkischer Liebe“, der allerdings erst 1852 im Druck unter dem Titel „Die Hegler Mühle“ erschien. Das in meiner Sammlung befindliche Goldschnittbändchen mit dem freundlichen Mühlenbild auf der Vorderseite umfasst 132 Seiten, ist in fünf Bücher eingeteilt und Willibald Alexis, „dem Schöpfer heimischer Poesie“, gewidmet. Vielleicht ist gar die schöne Müllerstochter Anna Katharina und die Heideblume von Tiefensee ein und dieselbe Person. Niendorfs Liebe zur märkischen Heimat, zu ihrer Föhrenheide und dem Erdgeruch der märkischen Scholle, hat hier ein poetisches Werk von höchstem Reiz geschaffen:


Hast je die weißen Birken du gesehen,
Die einsam hie und da am Ackerscheide,
Auf grünem Rain, aus Föhren auf der Heide
Mit langem Haargezweig im Winde wehen?


Man kann mit Sicherheit nicht feststellen, wo eigentlich seine „Hegler – Mühle“ lag. Doch wird eingangs das Wasser der Ucker und die Familie von Holtzendorff erwähnt, wenn auch nur in geringen Andeutungen. Doch mag dies gewollte dichterische Verschiebung sein, wahrscheinlich für die Hegermühle bei Strausberg.


Eine weiße Tulpe taucht aus klarer See,
Glänzt auf blauer Woge gleich als frischer Schnee;
Eine reife Pfirsich prangt auf grünem Stiele –
Eine holde Dirne wohnt in Hegler Mühle.


Wie einst unser Oberbarnimer Dichter Schmidt von Werneuchen beweist auch Martin Anton Niendorf, dass die Schönheiten der märkischen Landschaft, ihre Eigenart an Wäldern und herrlichen Seen, sowie auch all das, was in Garten und Feld um uns herum zur Sommerzeit blüht, wert sind, immer wieder in kraftvollen Liedern besungen zu werden.


In blauen Düften lag die weite Heide!
Mir aber war so wunderweich zumute,
So zärtlich sanft, so wohlverwandt dem leide,
Ich wagte kaum ein Veilchen abzupflücken.
Und wars am Abend welk an meinem Hute,
Ich konnt es stundenlang an Herz noch drücken.


Was in diesem prächtigen Büchlein uns noch besonders anspricht und überdies kulturhistorisch von besonderem Werte, das ist die Bewerbung heimischer Sitten und Gebräuche mit seiner Dichtung. So das sinnige Brauchtum in der Johannisnacht:


Im Dorfe drüben, schlägt es voll,
Zwölft zählt die Uhr in der Stube drin.
Schon schleicht der Mondschein gegen Morgen hin,
Wo er die Sonne begrüßen soll.
Das ist die Nacht, die Johannisnacht!
Dort muß in der Hecke der Spaten liegen. –
Was zitterst? Was zögerst? Flink seis vollbracht.
Laß fallen das Hemdlein – die Nacht ist verschwiegen.
Tut zu die Augen, ihr Sternelein,
O nur für ein Weilchen schlaft einmal ein!
Mein Gott, was tut nicht ein liebend Weib!
O Anne, lieb Anne, was zucktest eben?
Strich kalt dir über den weichen Leib
Ein tauiger Zweig der Himbeerreben?
– Hör beim siebenten Spatenstich,
Streue Pfeffer und Salz und denk an dich!
Nun kannst du in die Grub’ das Sträuchlein legen,
Beim Scharren sprechen den zweiten Segen:
Roter, du Johannisstrauch,
Du liebst dein Leben, ich lieb es auch!
Rotes, du rotes Johannisgesträuch,
Bist wachsen aus St. Johannis Leich!
Rote, du rote Johannisflut,
Bist flossen aus St. Johannis Blut!
Roter, du roter Johannissaft,
Gott segne deine geweihte Kraft!
– – – – – – – – – – – – – – – – – – –
O heilige, heilige Johannisnacht,
Von Wunderglauben so hold umhüllt,
Dir Blumen bluten, der Leichwurm zieht,
Die Bäche rauschen voll Wundermacht,
Klapprose, Camill und Rittersporn
Erfüllen sich still mit heiligen Säften,
Der Nachttau fällt aufs reifende Korn,
Und wehret der Mutterfrucht giftigen Kräften,
O heilige, heil’ge Johannisnacht!

Der Dichter hat ein wildbewegtes Leben gehabt. Er hat 1848 auf den Barrikaden gestanden, hat harte Strafe erduldet. Im an die Mark angrenzenden Jerichower Kreise fand er die Gattin. Ihr sind seine Lieder „Lieder der Liebe“ geweiht, die 1854 erschienen sind. Niendorf hat sich ferner an der Bearbeitung des Gudrunliedes, der Übersetzung des Nibelungenliedes und der Frithjofsage versucht. 1854 ist er Rittergutspächter geworden und hat fleißig und arbeitsam die Landwirtschaft betrieben. Seine Leier aber hat nicht geruht. Novellen und Erzählungen flossen aus seiner Feder. Trefflich ist in allen die naturwahre und klare Schilderung von Land und Leute – und das macht all dies Heimatschrifttum so wertvoll. Jedoch würde ein Eingehen auf diese Dinge über den Rahmen dieses kurzen Hinweises hinausführen. Indes – Martin Anton Niendorf (er starb am 12.6.1878) gehört zu unseren Oberbarnimer Heimatdichtern und sein Andenken soll deshalb auch bei uns weiter leben.


Oberbarnimer Kalender 1941 – Kreisarchiv Barnim

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