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aktuelles Amtsblatt Ausgabe Nr. 4/2012 vom 16.05.2012

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Emil Kaliebe

Emil Kaliebe, Tiefensee’s erster Bürgermeister
Von Friedrich Binski

Wenn auch der Name „Tiefensee“ sich schon vor 700 Jahren in alten Urkunden nachweisen lässt ( Dephense, Typhense 1375 ), eine Gemeinde mit allen Rechten und eigener Verwaltung wurde Tiefensee erst am 20. November 1925. Dies ist der Geburtstag der Gemeinde. Es war kein Geschenk von „oben“, diese Rechtstellung. Sie hatte erkämpft werden müssen
gegen die konservativen Kräfte am Ort und in den Nachbargemeinden. Der den Kampf begann und ihn mit Zähigkeit durchführte, bis er das Ziel erreicht hatte, war der Gärtnermeister Emil Kaliebe (geb. 13. Dezember 1880, gestorben 16. April 1956), ein Lehrersohn aus Pommern. Viele Jahre hindurch war er als Gutsgärtner beim Gutsbesitzer in Beiersdorf im Dienst. Ein Mann von besinnlicher Art, der bei seiner Arbeit wie in seinen Mußestunden sich Gedanken machte über Gott und die Welt, über die Menschen und ihr Gebaren, über politische Zusammenhänge, über das Streben nach Freiheit und Unabhängigkeit. So schrieb er einst: „Wer geraden Hauptes und mit festem Charakter durch das Leben schreitet, der braucht schwankende Menschen und deren üble Launen nicht zu fürchten; der widersteht allen Anfeindungen und Stürmen dieses Leben.“.

Auf seine Art ein Philosoph, suchte er Belehrung in philosophischen und politischen Schriften und formte sich ein Weltbild, das ihm festen halt gab. Wen könnte es verwundern, wenn dieser Mann nach Selbstständigkeit und einem Eigenheim strebte? Er erwarb in Tiefensee ein altes Grundstück (vermutlich das ehemalige „Kreisgärtner-Etablissement“ aus der Zeit Friedrichs II.) und dazu noch einen Hektar Ödland. Mit einem geradezu beispielhaften Fleiß veredelte er den mageren Boden und legte eine Gärtnerei an. Lange bevor für die anderen der Tag begann, war er am Werk und holte mit der Karre Laub und Humus und Dung von Straßen und Wegen, dabei unterstützt von seiner nicht minder fleißigen Frau und Schwester. Ein Treibhaus entstand, mit eigenen Händen und der Unterstützung eines Verwandten erbaut, später kamen zwei weiter hinzu.

Schließlich erbaute er auf dem Gärtnergelände 1920 erst ein kleines, dann 1925 erheblich vergrößertes Wohnhaus. Das kleine Unternehmen gedieh prächtig, gedüngt mit den Schweißtropfen der ganzen Familie. Auch Sohn und Enkel erlernten das Gärtnerhandwerk, und gemeinsam führten sie den „Gartenbaubetrieb“ auf eine beachtliche Höhe. Der Kundenkreis erweiterte sich ständig, reichte schließlich weit in den Kreis und bis Berlin.

Mit derselben Zähigkeit und Beharrlichkeit, mit der Emil Kaliebe seine privaten Ziele erreichte, ging er auch daran, für den Ort die Selbstständigkeit zu erringen. In seinen 490 Versen und Spruchweisheiten finden sich die Worte:

"Denken und Streben bestimmen das Leben,
führen den Menschen zum guten Ziel!“


Im Jahre 1920 begann er für die Selbstständigkeit des Ortes zu werben, Zustimmungen zu sammeln. Dann reichte er einen entsprechenden Antrag ein. Amtsvorsteher und Bürgermeister der beteiligten Gemeinden sträubten sich gegen dieses Bemühen. Vermutlich fürchteten sie, Einbuße an Steuern und Gebühren zu erleiden. Vielleicht wehrten sie sich auch gegen eine Einschränkung ihres Machtbereiches, ihrer Einflusszone. Kaliebe ging gegen die ablehnenden Bescheide vor, sprach persönlich beim Landrat in Freienwalde und beim Regierungspräsidenten in Potsdam vor und erreichte schließlich, dass ein Vertreter des Regierungspräsidenten zu einer Ortsbesichtigung entsandt wurde. Er sollte durch diese Besichtigung die Frage klären, ob Tiefensee eine „geschlossene Ortschaft“ bilde. Emil Kaliebe führte ihn durch den Ort. Ergebnis: jawohl, Tiefensee ist eine „geschlossene Ortschaft“. Das war eine Vorrausetzung für die Selbstständigkeit des Ortes. Es war die letzte Feststellung vor dem endgültigen Beschluss, dem Dorf die Eigenschaft einer selbstständigen Gemeinde zuzuerkennen.

Am 20.November 1925 hatte dann das Preußische Staatsministerium den Beschluss gefasst, durch den Tiefensee eine selbständige Gemeinde wurde. Emil Kaliebe wurde kommissarisch mit der Verwaltung der Gemeinde beauftragt und hat die nötigen Schritte einzuleiten zur Wahl der Gemeindevertretung, der Schöffen und des Bürgermeisters. Am 21 März 1926 fanden die Wahlen statt. Kaliebe wurde der erste Bürgermeister der neune Gemeinde. Nun ergab sich eine ganze Reihe neuer Aufgaben. Die Gemeinde brauchte einen Friedhof. So lange mussten die Ortseinwohner ihre Toten nach Freudenberg oder Leuenberg überführen. Da die Gemeinde aber keine eigenen Grundstücke besaß, die sie hätte dafür verwenden können, erreichte Kaliebe in Verhandlungen mit der Staatsforst, dass der Gemeinde zwei Morgen Wald, an einem Grenzweg gelegen, für den Friedhof überlassen wurden. Zunächst sollte aber erst ein Morgen dafür hergerichtet werden. Die Forstverwaltung ließ den Baumbestand räumen. Dem Geschick Kaliebes gelang es, durch Solidaritätseinsätze der Bevölkerung, diesen Morgen zu planieren. Er selbst leistete diese Arbeit mit Sachverstand. Leicht möglich, dass noch irgendwo ein Foto existiert, das ihn und seine Freunde bei der Arbeit zeigt.

Eine weitere Aufgabe meisterte er in zähen Kämpfen, ebenfalls von anderen Einwohnern tatkräftig unterstützt: den Anschluss an das Stromnetz. Während die umliegenden Ortschaften längst sich des Segens der elektrischen Kraft erfreuten, mussten die Tiefenseer sich mit altmodischen Petroleumleuchten begnügen. Die Gaststätten waren durch eine Benzingasanlage, mit der Glühstrümpfe zum Leuchten gebracht wurden, zwar besser daran, aber es gab Ärger genug damit. Allein das Gut Tiefensee hatte Strom über einen eigenen Transformator. Was lag näher, als über diese Anlage auch den Ort mit Strom zu versorgen! Kaliebe machte sich zum Fürsprecher der Bevölkerung und trat mit dieser Frage an den Gutsbesitzer heran. Er bekam zwar keine Ablehnung, aber eine Bedingung: die Gemeinde sollte ihre Zustimmung dazu geben, dass der Freudenberger Weg, ein öffentlicher, der durch das Gutsgelände führte, eingezogen würde und in Gutseigentum überginge. Dazu war aber die Gemeinde nicht bereit. Der Gutsbesitzer führte für seine Forderung einen gewichtigen Punkt ins Feld: über diesen Weg transportiertes Vieh hatte auch ihm die Schweinepest in den Stall gebracht. Jedoch es gab da den Vertrag, den das Märkische Elektrizitätswerk mit dem profitsüchtigen und weiter blickenden Gutsbesitzer abgeschlossen hatte und der die Bestimmung enthielt, dass, falls der Ort einmal Anschluss an des Stromnetz wünsche, dies nur über den Transformator des Gutes möglich sein sollte. Das veranlasste den Gutsbesitzer zu einer Bedingung. Den Anschluss dennoch zu erreichen, ohne diese Bedingung zu erfüllen, kostete nur wirklich Kampf. Wie schrieb Kaliebe damals?

„Die Selbstbeherrschung ist die Waffe unseres Geistes, mit dessen Hilfe wir die träge Materie überwinden. Ohne Materie aber, welche die Trägheit in sich birgt, können gar keine Geisteskräfte erzeugt werden. Wir können nur dort Kraft entfalten, wo sich uns etwas zur Überwindung entgegenstellt. Hindernisse sind da, um überwunden zu werden“.

Und er entfaltete Kraft; er überwand die Hindernisse. Auch das Gegenangebot des Gutsbesitzers, zusätzlich zur Stromabgabe den Kaliebeweg pflastern zu lassen, konnte keine Änderung des Entschlusses herbeiführen.

Der Weg ist noch heute ungepflastert. Einwohnerversammlungen brachten die Meinung und die Stimmung der Bevölkerung zum Ausdruck. Delegationen unter der Führung Kaliebes fuhren nach Freienwalde zum Landrat, zur Regierung nach Potsdam, zum Elektrizitätswerk nach Eberswalde, zu Landtagsabgeordneten nach Berlin. Schließlich wurde der Anschluss doch erreicht, ein neuer Transformator wurde an der Eberswalder Straße errichtet, und im Frühjahr 1927 flammten auch in Tiefensee die elektrischen Lampen auf. Eine Straßenbeleuchtung vom Bahnhof bis zum Ortsausgang des Dorfes war in weiten Abständen auch angelegt.

Natürlich muss ein Ort auch seine Feuerwehr haben! Auch hier war Emil Kaliebe die treibende Kraft. Es wurde eine Freiwillige Feuerwehr gegründet, die im April abgenommen wurde. Sie erhielt eine Motorspritze.

Die junge Gemeinde verdankte diese Erfolge in erster Linie ihrem Bürgermeister, der zielbewusst, hartnäckig, ja, manchmal eigensinnig gegen alle Widerstände ankämpfend, seinen Weg ging. Er sagte einmal: „Der Mensch fügt sich nur deshalb den Widerwärtigkeiten des Lebens, weil er dessen Unabänderlichkeit erkannt hat und Kraft dieser Erkenntnis die Widerwärtigkeiten mutig überwindet“.

Abgesehen von seinem öffentlichen Wirken, war Emil Kaliebe auch in seinem privaten Leben ein Mann, der sich vom Durchschnitt abhob. Ich nannte ihn eingangs einen „besinnlichen Mann“. Wenn sich Emil Kaliebe irgendwelchen menschlichen oder politischen Problemen gegenüber zur Klarheit durchgerungen hatte, legte er das Ergebnis in kurzen Sätzen nieder, manchmal in gereimter Form. Und in die Unterhaltung ließ er dann und wann seine geformten Gedanken einfließen. Diese seine Lebensweisheiten in Sprüchen füllen mehrere Heftchen. Hier ein Beispiel:


„O wären sich die Menschen gut,
wo bliebe Leid und Schmerz
und all’ das viele böse Blut,
das bitter macht das Herz!

O Reichtum, wie machst du so blind
die Menschen, die dich tragen!
Die nicht beachten, die da sind
In Armut und in Plagen!

Kein liebevoll empfindend Herz
gibt’s, das die Leiden stillet,
das sich erbarmt dem tiefen Schmerz
und seine Pflicht erfüllet!“


Und durchaus in fortschrittlichem Sinne schrieb er damals schon:

„Gebt dem Armen Mann nur sein Recht! Er wird es auch mit Dankbarkeit und Pflichterfüllung lohnen. Achtet ihn als Menschen euresgleichen!“

An diesen seinen geistigen Kindern hing er. Er hatte darin einen Erfahrungsschatz gesammelt, von dem er meinte, dass auch seine Kinder und Enkel noch aus ihm Nutzen ziehen könnten. Aus allem atmete der Geist der Rechtschaffenheit, der Ehrlichkeit, der Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft. Kaliebe war in seinen persönlichen Lebensansprüchen äußerst bescheiden und anspruchslos. Er kannte nur Arbeit, und das trat so deutlich in Erscheinung, dass das fast sprichwörtlich in der Umgebung bekannt war.

Emil Kaliebe, der erste Bürgermeister der Gemeinde Tiefensee, verdient es, dass man ihm ein ehrendes Gedenken bewahrt. Es beeinträchtigt unsere Wertschätzung seiner persönlichen Wirksamkeit in keiner Weise, wenn wir, rückblickend, auch bei seinem Lebenswerk erkennen, dass keine einzige große Maßnahme auf Weisung einer Einzelperson erfolgte. Es bedurfte auch für Emil Kaliebe der aktiven Unterstützung und Mitarbeit der Bevölkerung, dass seine Pläne Gestalt gewannen.

Er ruht seit dem 20. April 1956 nun in dem Flecken Erde, das er selbst für den Friedhof der Gemeinde auserwählt hatte, zu Grabe getragen von Männern der Feuerwehr, die er selbst gründen half.

Mit seinem „Abendlied“ lassen Sie mich diese Zeilen schließen:


Sonnenuntergang

Es senkt die Sonne sich im Abend;
Vollbracht hat sie den Tageslauf.
An ihrem Glanz ich mich labend,
blick ich zum Horizont hinauf.

Wie schön er strahlt im Purpurkleide!
Mich grüßt der letzte Sonnenstrahl,
der über Feld und über Heide
ergossen sich zum letzen Mal.

Schon hell erstrahlen jetzt die Sterne;
verschwunden ist das letzte Rot!
Sie weilt in weiter, weiter Ferne,
die mir so golden Abschied bot.


Emil Kaliebe am Tage seiner goldenen Hochzeit 1954
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Emil Kaliebe am Tage seiner goldenen Hochzeit 1954




Grabstätte von Emil Kaliebe
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Grabstätte von Emil Kaliebe



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