Als das Motorrad noch zu Fuss ging
100 JAHRE MOTORSPORTCLUB WERNEUCHEN 1906
ALS DAS MOTORRAD NOCH ZU FUSS GING
Ernst Geuder
(Gefunden von Dietmar Haarbach)
ALS DAS MOTORRAD NOCH ZU FUSS GING
Ernst Geuder
An einem schönen Sommermorgen des Jahres 1903 beschloss ich, von Berlin zu meinem Onkel nach dem 35 Kilometer entfernten Werneuchen zu fahren. Dazu wolle ich aber nicht die Eisenbahn nehmen – das wäre schließlich nichts besonderes gewesen. Nein, ich wollte mit meinem Motorrad fahren. Was das damals bedeutete, das kann heute niemand mehr ermessen. Und deshalb will ich es hier erzählen.
Mein Motorrad, das war eine Maschine aus den belgischen FN – Werken, eines der ersten Motorrädern der Welt. Das Ungetüm wog 70 Kilo. 2 volle Pferdestärken hatte der Einzylinder – Viertaktmotor. Und diese beiden armseligen PS waren mein größter Stolz. Die Maschine war kurz und gedrungen gebaut und so hoch wie ein heutiges Fahrrad. Natürlich gab es weder vorn noch hinten eine Federung, und an eine Kupplung war ebenso wenig zu denken wie an ein Getrieben mit mehreren Gängen. Man musste also sozusagen immer im großen Gang ohne Kupplung fahren. Das war ziemlich schwierig, wie man sich denken kann. Ohne die Pedale, mit welcher übrigens so gut wie alle Motorräder bis zum ersten Weltkrieg ausgerüstet waren, wäre ich nie auch nur bis zur nächsten Straßenkreuzung gekommen. Alle Augenblicke zwangen einen nämlich Fußgänger, ein Pferdefuhrwerk oder die Pferdebahn zum Langsamfahren oder gar zum Abstoppen. Langsamfahren aber konnte man mit so einem Motorrad nicht! Sobald die Geschwindigkeit unter 15 Km/h fiel, zog der Motor wegen der großen Übersetzung nicht mehr durch, und man musste dann kräftig mit den Pedalen nachhelfen.
Die Reifen hatten keinerlei Profil oder Rillen und waren kaum so breit wie die eines heutigen Mopeds. Deshalb hatten sie sogar bei trockenem Wetter eine scheußliche Neigung zum Ausrutschen. Der Druck in diesen Reifen war etwa dreimal so hoch wie der in den heuten Mopedreifen – eine ziemlich harte Angelegenheit, besonders wenn man daran denkt, dass nicht einmal der Sattel gefedert war. Das Hinterrad wurde vom Motor natürlich nicht über eine vornehme Kette oder gar eine Kardanwelle, sondern über einen schmalen, flachen Lederriemen angetrieben. Dieser Riemen war eine Quelle dauernder Pannen und fortgesetzter Ärgernisse.
Alle Bedienungshebel waren am „Benzinkasten“, wie man damals den Tank nannte, angebracht, also nicht – wie heute – an der Lenkstange. Vorn links war der Hebel zum Öffnen und Schließen des Auspuffventils, vorn rechts der Hebel zum Verstellen der Zündung und ganz hinten rechts, dicht beim Sattel, der Gashebel. Den unmöglichsten Platz aber hatte die Handölpumpe gefunden. Mit dieser pumpe musste man alle 5 Kilometer etwas öl in den Motor einspritzen. Im hinteren Teil des Benzinkastens waren der dick in Lappen gewickelte Akkumulator für die Zündung sowie das in noch dickere Lappen gewickelte Werkzeug verstaut, und nur in der vorderen Abteilung befand sich das Benzin.
Das also war meine stolze FN, wohl das erste Motorrad, das serienmäßig gebaut und verkauft worden ist.
An dem erwähnten Sonntag des Jahres 1903 wuchtete ich das Ungetüm aus dem Keller und lehnte es zunächst auf dem Hof an eine Wand. Sodann holte ich meinen schweren Rucksack herbei und unterzog seinem Inhalt einer eingehenden Kontrolle. Was war da nicht alles, in Lappen wohl verpackt, untergebracht! Ein halbes Dutzend Zündkerzen, Schmirgelpapier zum Säubern der Kerzen, ein altes Küchenmesser zum Abkratzen des Treibriemens, ein kompletter neuer Treibriemen, ein ganzes Sortiment Draht in verschiedenen Stärken, zwei oder drei Rollen Isolierband zum Flicken des Zündkabels, eine dicke Rolle Zwirn für die Befestigung des Unterbrechers, Reifenflickzeug, eine Dreiliter – Kanne Reservebenzin, eine Dose Karbid für den Scheinwerfer, ein großes Stück Kolofonium zum Aufrauen des Riemens, eine Flasche Schieröl, je ein Spritzkännchen mit Petroleum und Benzin, ein Paket Schraubenschlüssel und noch viele andere Kleinigkeiten. Reparaturwerkstätten und Tankstellen gab es damals ja so gut wie nirgends, und so war man als Motorradfahrer ganz auf sein eigenes Geschick angewiesen.
Mit dieser „fliegenden Werkstatt“ auf dem Rücken schob ich jetzt meine FN auf die Straße, wo sich sofort eine neugierige Menschenmenge ansammelte. Ich schnalle den Hinterradständer ab, bockte die Maschine auf, gab dem Motor je eine Einspritzung Benzin und Petroleum und drückte einige Male das Ansaugventil im Zylinderkopf auf und nieder. Dann schwang ich mich in den Sattel, steckte den elektrischen Kontaktstift am Lenkstangenkopf in eine Öffnung, hob vorn links am Benzinkasten mit Hilfe des Hebels das Auspuffventil und trat dann aus Leibeskräften in die Pedale. Dabei drehte sich natürlich das Hinterrad, aber die Maschine stand ja noch auf dem Ständer. Nach einer Weile schloss ich das Auspuffventil. Als daraufhin unter weiterem Mittreten die ersten Zündungen erfolgten und der Motor fauchend dicke Wolken Ölqualm ausstieß, rannten die Neugierigen kreischend auseinander, weil sie eine Explosion befürchteten. Nach längerem Bemühen begann der Motor auch ohne Pedalhilfe regelmäßig zu laufen. Jetzt kehrten die Beherzten unter den Zuschauern vorsichtig zurück und bestaunten das Wunder. Als sich der Motor genügend warmgelaufen hatte, stoppte ich ihn durch Heben des Auspuffventils. (Es gab ja weder Leerlauf noch Kupplung!) Dann schob ich die Maschine vom Bock herunter, schnallte den Ständer wieder fest, drückte noch einmal auf das Ansaugventil und tippte kurz den Schwimmer des Vergasers. Nun schwang ich mich bei noch stehendem Motor möglichst schnell in den Sattel, trat aus Leibeskräften in die Pedale und schloss plötzlich mit einem schnellen Griff das Auspuffventil. Diesmal hatte ich Glück: schon nach etwa 20 Pedaltritten sprang der Motor unter häufigem Aussetzen zögernd an. Aber ich musste noch lange tüchtig mittreten, bis die Zündaussetzer aufhörten und der Motor es allein schaffte.
Stolz kutschierte ich jetzt auf meinem knatternden Vehikel durch die in so früher Morgenstunde noch ziemlich leeren Straßen von Berlin und bin froh, als ich endlich hinter Weißensee die Landstraße erreiche. Leider empfängt mich hier ein geradezu katastrophales Kopfsteinpflaster, hier und da unterbrochen von so großen Löchern, dass ich mich nur in langsamer Fahrt durchschlängeln kann. Das bedeutet, dass ich fortgesetzt mit treten muss. Und schon meldet sich die erste Panne in Gestalt eines rutschenden Riemens! So schnell wie nur möglich wird das Riemenschloss aufgeschraubt, der Riemen um einige Zentimeter gekürzt und mit dem alten Küchenmesser die Öl kohle abgeschabt. Dann Riemen wieder geschlossen und aufgelegt und verzweifelt in die Pedale getreten, bis der Motor tatsächlich wieder anspringt. Die Maschine holpert natürlich furchtbar auf dem Katzenkopfpflaster hin und her, wobei mich der schwere Rucksack fortgesetzt erbarmungslos ins Kreuz pufft. Schon beginnen die Handgelenke zu schmerzen, da geht endlich die fürchterliche Straße in eine glatt gefahrene Chaussee über. Matt wie eine Fliege hänge ich auf meiner FN, froh, nicht mehr mit treten zu müssen.
Da beginnt mit einem male der Motor zu bocken. Ich muss wieder anhalten. Die Zündkerze ist verrußt und muss von Öl kohle befreit werden. Das hilft für ein kurzes Stück, dann fängt das Ding schon wieder an zu mucken und auszusetzen. Eine neue Kerze schafft endgültige Abhilfe.
Eine Weile später erreiche ich die damals berüchtigte Blumberger Steigung. Rasch öffne ich den Gashebel so weit wie möglich. Da fängt aber der Flachriemen wieder an zu rutschen. Fluchend stoppe ich ab und lasse die Maschine den schon halb gewonnenen Berg zurückrollen. Schnell den Riemen gekürzt und unter kräftigem Mittreten einen neuen Angriffe auf die lange Steigung! Da gibt es plötzlich einen Krach, und der Motor läuft im Leerlauf. Der Riemen war zu stark gekürzt worden und ist gerissen. Nun hilft nur noch ein neuer Riemen, und der ist ja glücklicherweise im Rucksack.
Erbarmungslos brennt die heiße Julisonne auf mich herunter. Aber was hilft’s! Nach einer Viertelstunde ist der Wechsel beendet, und nun geht es wieder auf die Steigung los. Schon in halber Höhe muss ich mit aller Energie mittreten. Doch 100 Meter vor der Kuppe ist es mit meiner und des Motors Kraft zu Ende. Ich lehne die Maschine gegen einen Baum und werfe mich für eine Viertelstunde erschöpft ins Gras. Dann schiebe ich das Monstrum bis zur Anhöhe empor und lasse es auf der anderen Seite den berg hinabrollen, wobei der Motor auch tatsächlich anspringt. Abgesehen von einer Vergaserverstopfung und einigen Riemenschwierigkeiten ereignete sich bis Werneuchen nichts besonderes mehr, und so komme ich erschöpft, aber wohlbehalten bei meinem Onkel an.
Nun müsste man wohl denken, dass mir unter solchen Umständen das Motorrad fahren bald leid geworden wäre. Weit gefehlt! Für das königliche Gefühl, mit Motorkraft durch die Gegend zu sausen und die Heimat in weiterem Sinne zu erobern, hätten wir Motorradfahrer von anno 1903 noch ganz andere Strapazen auf uns genommen. Allerdings musste mancher Fahrer diesen Sport für immer aufgeben, nachdem er sich durch die unvorstellbaren Erschütterungen auf den schlechten Straßen sowie durch körperliche Überanstrengung beim vielen Mit treten ein Leiden zugezogen hatte. Ich selbst bin dank meiner robusten Natur heil davongekommen.
Doch zurück nach Werneuchen! Nachdem mich mein Onkel mit einem guten Frühstück gelabt hatte, besuchte ich meinen Freund Hermann Mittenzwey, der als Meister in einem Fahrradgeschäft mit angeschlossener Motorradwerkstatt arbeitete – übrigens der einzigen derartigen Werkstatt auf 100 Kilometer im Umkreis von Berlin. Mittenzwey, der beste Mechaniker, den ich je gesehen habe, erzählte mir beiläufig, dass am nächsten Tag der Motorradklub Berlin – Brandenburg eine Fahrt nach Lübbenau im Spreewald geplant habe. Ich beschloss, trotz der soeben bestandenen Strapazen von Werneuchen aus ebenfalls dorthin zu fahren. Mittenzwey half mir, den Motor von A bis Z durchzusehen. Dann vervollständigte ich meine Rucksackwerkstatt durch einen Reserve – Akkumulator und wickelte einen zweiten Reserveriemen um die Lenkstange. Außerdem wanderte eine gewöhnliche Karbid – Fahrradlampe in den Rucksack. So bis an die Zähne bewaffnet, machte ich mich nach dem Mittagessen auf die 120 – Kilometer – Reise, für damalige Verhältnisse ein unerhörtes Wagnis. Meine Freunde, die mir den Start durch gemeinsames Anschieben erleichtert hatten, blieben schweißtriefend zurück, während ich, den unbarmherzigen Rucksack wieder auf dem Rücken, in Richtung Altlandsberg verschwand.
Diese kleine märkische Stadt war weit und breit wegen ihres hundsmiserablen Pflasters berüchtigt. Gerade als ich am Marktplatz angelangt war, brach die Befestigungsschraube des Vorderschutzbleches ab. Mit Draht aus meinem Rucksack war der Schaden rasch repariert. Der Start auf dem entsetzlichen Pflaster wäre mir allerdings ohne die Mithilfe freundlicher „Schieber“ wohl nie gelungen. Nun, die Auspuffklappe voll geöffnet, und mit gewaltigem Geknatter ging die Fahrt weiter. Allerdings nur einen guten Kilometer! Da nämlich begann der Motor auszusetzen, und schließlich blieb er vollends stehen.
Ich kannte meine Maschine in- und auswendig und brauchte nicht lange zu suchen: Der Unterbrecher – außen am Motorgehäuse angebracht – war lose geworden. Ihn abnehmen, mit Zwirn kräftig umwickeln und wieder ansetzen war das Werk weniger Minuten. Gleichzeitig kürzte ich vorsichtshalber den Riemen und schabte ihn ab. Dann ging die Fahrt weiter. So kam ich nach Köpenick. Dort wartete neues Unheil auf mich. Mitten in einer der winkligen Gassen hielt mich ein schnauzbärtiger Polizist mit einer Pickelhaube an und verlangte barsch meine Papiere, weil ich, wie er ganz entrüstet feststellte, die für alle Ortschaften festgesetzte Höchstgeschwindigkeit von 15 Km/h überschritten hätte. Nun war, wie ich schon erzählt habe, ein solches Tempo für die damaligen Maschinen ohne Kupplung und Getriebe eine glatte Unmöglichkeit. Die Fahrzeuge liefen eben nur zwischen 20 und 40 Km/h. Aber alles Reden und Erklären nützte nichts: Ich bekam ein Strafmandat über 10 Goldmark, und das war damals soviel wie heutzutage 50 Mark! Ein schwerer Schlag für mich …
Mein nächstes Ziel war Wendisch – Buchholz. Immer einsamer wurde die Straße, die in dieser Gegend durch unendliche Wälder verlief. Hier konnte eine schwerere Panne eine Katastrophe sein. Und schon war die Panne da! Ich fuhr gerade ein flottes 40 – Kilometer – Tempo, als ich zu meinem Schrecken merkte, dass der Vorderreifen weich wurde. Was war passiert? Eine ganz gewöhnliche Stecknadel, die den heutigen Reifen gar nichts anhaben könnte, hatte die Decke durchbohrt! Das wäre nun leicht zu flicken gewesen. Aber wer beschreibt meinen Schrecken, als ich entdeckte, dass die Gummilösung eingetrocknet war!
In der Not frist der Teufel Fliegen, heißt ein altes Sprichwort. Die Fliege war in diesem Fall eine Zehnpfennig – Briefmarke, die ich in meiner Brieftasche entdeckte. Ich klebte sie auf die kleine Verletzung des Schlauches, legte den Reifenmantel darüber, und tatsächlich hielt diese primitive Reparatur tadellos. Freudig schwang ich mich wieder in den Sattel und sauste mit offener Auspuffklappe davon.
Es begann bereits die Dämmerung, als in der Nähe eines Sumpfes Nebel aufzog. Gleich darauf wurde der Gang meines Motors immer matter. Ich trat kräftig in die Pedale. Und tatsächlich: als ich die Nebelschwaden passiert hatte, erholte sich der Motor von selbst. Sein primitiver Vergaser konnte eben Nebel nicht vertragen – das war alles.
Die Dunkelheit senkte sich immer mehr herab, aber die Wälder nahmen kein Ende. Notgedrungen hielt ich an zog meine Karbidlampe aus dem Rucksack. Nachdem ich sie am Laternenhalter befestigt hatte, zündete ich sie an. Wenige Kilometer später brach infolge der fortgesetzten Erschütterungen der Halter, und aus war es mit dem Licht. Was blieb mir weiter übrig, als in voller Dunkelheit, die nur durch die Stichflamme des Auspuffs notdürftig erleuchtet wurde, weiterzufahren.
Ob ich nun 5 oder 15 Kilometer so mit scharf angespannten Nerven dahin gefahren war, konnte ich nicht mehr abschätzen. Plötzlich jedenfalls begann mein Motor zu knallen: Kein Betriebsstoff mehr im Tank, und der Reservekanister bereits aufgebraucht! Das war eine verzweifelte Lage. Am schlimmsten war, dass ich keine Ahnung hatte, wie weit ich schon gekommen war. Da erblickte ich mit einem Male rechts von mir Licht, das aus einem soeben geöffneten Fenster kam. Auf meine Frage, wo ich mich denn befände, hörte ich die himmlische Botschaft: vor dem ersten Haus von Lübben! So etwa muss es sein, wenn einem armen Schächer angesichts des Galgens plötzlich Gnade gewährt wird.
Ich schob meine Maschine, total erschöpft und von starken Rückenschmerzen gepeinigt, zum nächsten Gasthof, wo ich übernachtete, nicht ohne Sorge, wie ich am kommenden Sonntag morgen Benzin herbeischaffen könnte. Der freundliche Gastwirt wusste jedenfalls von keiner Benzin quelle in der Stadt. So blieb anderntags nur noch eine Rettung: die Apotheke! Zuerst war der alte, griesgrämige Apotheker unzugänglich. Aber auf die Dauer konnte er sich meinem inständigen Bitten doch nicht verschließen, und so überließ er mir aus Gnade und Barmherzigkeit für den „Freundschaftspreis“ von einer Goldmark pro Liter drei Liter des kostbaren Saftes. Für diese drei Goldmark hätte ich mir damals einen ganze Hasen oder eine Gans kaufen können! Immerhin war ich glücklich, dass ich so die letzten Kilometer zum Marktplatz von Lübbenau hinter mich bringen konnte. Dort traf ich auch tatsächlich die Klubkameraden aus Berlin, die mich sofort mit frischem Sprit versorgten, nachdem sie über den wucherischen Apotheker weidlich geschimpft hatten.
Als ich dann mit meinen Sportfreunden im Kahn durch den schönen Spreewald fuhr, die Sonne über uns lachte und so manches Glas Bier durch die Kehle rann, da waren bald die Strapazen der Fahrt vergessen.
Mein Motorrad, das war eine Maschine aus den belgischen FN – Werken, eines der ersten Motorrädern der Welt. Das Ungetüm wog 70 Kilo. 2 volle Pferdestärken hatte der Einzylinder – Viertaktmotor. Und diese beiden armseligen PS waren mein größter Stolz. Die Maschine war kurz und gedrungen gebaut und so hoch wie ein heutiges Fahrrad. Natürlich gab es weder vorn noch hinten eine Federung, und an eine Kupplung war ebenso wenig zu denken wie an ein Getrieben mit mehreren Gängen. Man musste also sozusagen immer im großen Gang ohne Kupplung fahren. Das war ziemlich schwierig, wie man sich denken kann. Ohne die Pedale, mit welcher übrigens so gut wie alle Motorräder bis zum ersten Weltkrieg ausgerüstet waren, wäre ich nie auch nur bis zur nächsten Straßenkreuzung gekommen. Alle Augenblicke zwangen einen nämlich Fußgänger, ein Pferdefuhrwerk oder die Pferdebahn zum Langsamfahren oder gar zum Abstoppen. Langsamfahren aber konnte man mit so einem Motorrad nicht! Sobald die Geschwindigkeit unter 15 Km/h fiel, zog der Motor wegen der großen Übersetzung nicht mehr durch, und man musste dann kräftig mit den Pedalen nachhelfen.
Die Reifen hatten keinerlei Profil oder Rillen und waren kaum so breit wie die eines heutigen Mopeds. Deshalb hatten sie sogar bei trockenem Wetter eine scheußliche Neigung zum Ausrutschen. Der Druck in diesen Reifen war etwa dreimal so hoch wie der in den heuten Mopedreifen – eine ziemlich harte Angelegenheit, besonders wenn man daran denkt, dass nicht einmal der Sattel gefedert war. Das Hinterrad wurde vom Motor natürlich nicht über eine vornehme Kette oder gar eine Kardanwelle, sondern über einen schmalen, flachen Lederriemen angetrieben. Dieser Riemen war eine Quelle dauernder Pannen und fortgesetzter Ärgernisse.
Alle Bedienungshebel waren am „Benzinkasten“, wie man damals den Tank nannte, angebracht, also nicht – wie heute – an der Lenkstange. Vorn links war der Hebel zum Öffnen und Schließen des Auspuffventils, vorn rechts der Hebel zum Verstellen der Zündung und ganz hinten rechts, dicht beim Sattel, der Gashebel. Den unmöglichsten Platz aber hatte die Handölpumpe gefunden. Mit dieser pumpe musste man alle 5 Kilometer etwas öl in den Motor einspritzen. Im hinteren Teil des Benzinkastens waren der dick in Lappen gewickelte Akkumulator für die Zündung sowie das in noch dickere Lappen gewickelte Werkzeug verstaut, und nur in der vorderen Abteilung befand sich das Benzin.
Das also war meine stolze FN, wohl das erste Motorrad, das serienmäßig gebaut und verkauft worden ist.
An dem erwähnten Sonntag des Jahres 1903 wuchtete ich das Ungetüm aus dem Keller und lehnte es zunächst auf dem Hof an eine Wand. Sodann holte ich meinen schweren Rucksack herbei und unterzog seinem Inhalt einer eingehenden Kontrolle. Was war da nicht alles, in Lappen wohl verpackt, untergebracht! Ein halbes Dutzend Zündkerzen, Schmirgelpapier zum Säubern der Kerzen, ein altes Küchenmesser zum Abkratzen des Treibriemens, ein kompletter neuer Treibriemen, ein ganzes Sortiment Draht in verschiedenen Stärken, zwei oder drei Rollen Isolierband zum Flicken des Zündkabels, eine dicke Rolle Zwirn für die Befestigung des Unterbrechers, Reifenflickzeug, eine Dreiliter – Kanne Reservebenzin, eine Dose Karbid für den Scheinwerfer, ein großes Stück Kolofonium zum Aufrauen des Riemens, eine Flasche Schieröl, je ein Spritzkännchen mit Petroleum und Benzin, ein Paket Schraubenschlüssel und noch viele andere Kleinigkeiten. Reparaturwerkstätten und Tankstellen gab es damals ja so gut wie nirgends, und so war man als Motorradfahrer ganz auf sein eigenes Geschick angewiesen.
Mit dieser „fliegenden Werkstatt“ auf dem Rücken schob ich jetzt meine FN auf die Straße, wo sich sofort eine neugierige Menschenmenge ansammelte. Ich schnalle den Hinterradständer ab, bockte die Maschine auf, gab dem Motor je eine Einspritzung Benzin und Petroleum und drückte einige Male das Ansaugventil im Zylinderkopf auf und nieder. Dann schwang ich mich in den Sattel, steckte den elektrischen Kontaktstift am Lenkstangenkopf in eine Öffnung, hob vorn links am Benzinkasten mit Hilfe des Hebels das Auspuffventil und trat dann aus Leibeskräften in die Pedale. Dabei drehte sich natürlich das Hinterrad, aber die Maschine stand ja noch auf dem Ständer. Nach einer Weile schloss ich das Auspuffventil. Als daraufhin unter weiterem Mittreten die ersten Zündungen erfolgten und der Motor fauchend dicke Wolken Ölqualm ausstieß, rannten die Neugierigen kreischend auseinander, weil sie eine Explosion befürchteten. Nach längerem Bemühen begann der Motor auch ohne Pedalhilfe regelmäßig zu laufen. Jetzt kehrten die Beherzten unter den Zuschauern vorsichtig zurück und bestaunten das Wunder. Als sich der Motor genügend warmgelaufen hatte, stoppte ich ihn durch Heben des Auspuffventils. (Es gab ja weder Leerlauf noch Kupplung!) Dann schob ich die Maschine vom Bock herunter, schnallte den Ständer wieder fest, drückte noch einmal auf das Ansaugventil und tippte kurz den Schwimmer des Vergasers. Nun schwang ich mich bei noch stehendem Motor möglichst schnell in den Sattel, trat aus Leibeskräften in die Pedale und schloss plötzlich mit einem schnellen Griff das Auspuffventil. Diesmal hatte ich Glück: schon nach etwa 20 Pedaltritten sprang der Motor unter häufigem Aussetzen zögernd an. Aber ich musste noch lange tüchtig mittreten, bis die Zündaussetzer aufhörten und der Motor es allein schaffte.
Stolz kutschierte ich jetzt auf meinem knatternden Vehikel durch die in so früher Morgenstunde noch ziemlich leeren Straßen von Berlin und bin froh, als ich endlich hinter Weißensee die Landstraße erreiche. Leider empfängt mich hier ein geradezu katastrophales Kopfsteinpflaster, hier und da unterbrochen von so großen Löchern, dass ich mich nur in langsamer Fahrt durchschlängeln kann. Das bedeutet, dass ich fortgesetzt mit treten muss. Und schon meldet sich die erste Panne in Gestalt eines rutschenden Riemens! So schnell wie nur möglich wird das Riemenschloss aufgeschraubt, der Riemen um einige Zentimeter gekürzt und mit dem alten Küchenmesser die Öl kohle abgeschabt. Dann Riemen wieder geschlossen und aufgelegt und verzweifelt in die Pedale getreten, bis der Motor tatsächlich wieder anspringt. Die Maschine holpert natürlich furchtbar auf dem Katzenkopfpflaster hin und her, wobei mich der schwere Rucksack fortgesetzt erbarmungslos ins Kreuz pufft. Schon beginnen die Handgelenke zu schmerzen, da geht endlich die fürchterliche Straße in eine glatt gefahrene Chaussee über. Matt wie eine Fliege hänge ich auf meiner FN, froh, nicht mehr mit treten zu müssen.
Da beginnt mit einem male der Motor zu bocken. Ich muss wieder anhalten. Die Zündkerze ist verrußt und muss von Öl kohle befreit werden. Das hilft für ein kurzes Stück, dann fängt das Ding schon wieder an zu mucken und auszusetzen. Eine neue Kerze schafft endgültige Abhilfe.
Eine Weile später erreiche ich die damals berüchtigte Blumberger Steigung. Rasch öffne ich den Gashebel so weit wie möglich. Da fängt aber der Flachriemen wieder an zu rutschen. Fluchend stoppe ich ab und lasse die Maschine den schon halb gewonnenen Berg zurückrollen. Schnell den Riemen gekürzt und unter kräftigem Mittreten einen neuen Angriffe auf die lange Steigung! Da gibt es plötzlich einen Krach, und der Motor läuft im Leerlauf. Der Riemen war zu stark gekürzt worden und ist gerissen. Nun hilft nur noch ein neuer Riemen, und der ist ja glücklicherweise im Rucksack.
Erbarmungslos brennt die heiße Julisonne auf mich herunter. Aber was hilft’s! Nach einer Viertelstunde ist der Wechsel beendet, und nun geht es wieder auf die Steigung los. Schon in halber Höhe muss ich mit aller Energie mittreten. Doch 100 Meter vor der Kuppe ist es mit meiner und des Motors Kraft zu Ende. Ich lehne die Maschine gegen einen Baum und werfe mich für eine Viertelstunde erschöpft ins Gras. Dann schiebe ich das Monstrum bis zur Anhöhe empor und lasse es auf der anderen Seite den berg hinabrollen, wobei der Motor auch tatsächlich anspringt. Abgesehen von einer Vergaserverstopfung und einigen Riemenschwierigkeiten ereignete sich bis Werneuchen nichts besonderes mehr, und so komme ich erschöpft, aber wohlbehalten bei meinem Onkel an.
Nun müsste man wohl denken, dass mir unter solchen Umständen das Motorrad fahren bald leid geworden wäre. Weit gefehlt! Für das königliche Gefühl, mit Motorkraft durch die Gegend zu sausen und die Heimat in weiterem Sinne zu erobern, hätten wir Motorradfahrer von anno 1903 noch ganz andere Strapazen auf uns genommen. Allerdings musste mancher Fahrer diesen Sport für immer aufgeben, nachdem er sich durch die unvorstellbaren Erschütterungen auf den schlechten Straßen sowie durch körperliche Überanstrengung beim vielen Mit treten ein Leiden zugezogen hatte. Ich selbst bin dank meiner robusten Natur heil davongekommen.
Doch zurück nach Werneuchen! Nachdem mich mein Onkel mit einem guten Frühstück gelabt hatte, besuchte ich meinen Freund Hermann Mittenzwey, der als Meister in einem Fahrradgeschäft mit angeschlossener Motorradwerkstatt arbeitete – übrigens der einzigen derartigen Werkstatt auf 100 Kilometer im Umkreis von Berlin. Mittenzwey, der beste Mechaniker, den ich je gesehen habe, erzählte mir beiläufig, dass am nächsten Tag der Motorradklub Berlin – Brandenburg eine Fahrt nach Lübbenau im Spreewald geplant habe. Ich beschloss, trotz der soeben bestandenen Strapazen von Werneuchen aus ebenfalls dorthin zu fahren. Mittenzwey half mir, den Motor von A bis Z durchzusehen. Dann vervollständigte ich meine Rucksackwerkstatt durch einen Reserve – Akkumulator und wickelte einen zweiten Reserveriemen um die Lenkstange. Außerdem wanderte eine gewöhnliche Karbid – Fahrradlampe in den Rucksack. So bis an die Zähne bewaffnet, machte ich mich nach dem Mittagessen auf die 120 – Kilometer – Reise, für damalige Verhältnisse ein unerhörtes Wagnis. Meine Freunde, die mir den Start durch gemeinsames Anschieben erleichtert hatten, blieben schweißtriefend zurück, während ich, den unbarmherzigen Rucksack wieder auf dem Rücken, in Richtung Altlandsberg verschwand.
Diese kleine märkische Stadt war weit und breit wegen ihres hundsmiserablen Pflasters berüchtigt. Gerade als ich am Marktplatz angelangt war, brach die Befestigungsschraube des Vorderschutzbleches ab. Mit Draht aus meinem Rucksack war der Schaden rasch repariert. Der Start auf dem entsetzlichen Pflaster wäre mir allerdings ohne die Mithilfe freundlicher „Schieber“ wohl nie gelungen. Nun, die Auspuffklappe voll geöffnet, und mit gewaltigem Geknatter ging die Fahrt weiter. Allerdings nur einen guten Kilometer! Da nämlich begann der Motor auszusetzen, und schließlich blieb er vollends stehen.
Ich kannte meine Maschine in- und auswendig und brauchte nicht lange zu suchen: Der Unterbrecher – außen am Motorgehäuse angebracht – war lose geworden. Ihn abnehmen, mit Zwirn kräftig umwickeln und wieder ansetzen war das Werk weniger Minuten. Gleichzeitig kürzte ich vorsichtshalber den Riemen und schabte ihn ab. Dann ging die Fahrt weiter. So kam ich nach Köpenick. Dort wartete neues Unheil auf mich. Mitten in einer der winkligen Gassen hielt mich ein schnauzbärtiger Polizist mit einer Pickelhaube an und verlangte barsch meine Papiere, weil ich, wie er ganz entrüstet feststellte, die für alle Ortschaften festgesetzte Höchstgeschwindigkeit von 15 Km/h überschritten hätte. Nun war, wie ich schon erzählt habe, ein solches Tempo für die damaligen Maschinen ohne Kupplung und Getriebe eine glatte Unmöglichkeit. Die Fahrzeuge liefen eben nur zwischen 20 und 40 Km/h. Aber alles Reden und Erklären nützte nichts: Ich bekam ein Strafmandat über 10 Goldmark, und das war damals soviel wie heutzutage 50 Mark! Ein schwerer Schlag für mich …
Mein nächstes Ziel war Wendisch – Buchholz. Immer einsamer wurde die Straße, die in dieser Gegend durch unendliche Wälder verlief. Hier konnte eine schwerere Panne eine Katastrophe sein. Und schon war die Panne da! Ich fuhr gerade ein flottes 40 – Kilometer – Tempo, als ich zu meinem Schrecken merkte, dass der Vorderreifen weich wurde. Was war passiert? Eine ganz gewöhnliche Stecknadel, die den heutigen Reifen gar nichts anhaben könnte, hatte die Decke durchbohrt! Das wäre nun leicht zu flicken gewesen. Aber wer beschreibt meinen Schrecken, als ich entdeckte, dass die Gummilösung eingetrocknet war!
In der Not frist der Teufel Fliegen, heißt ein altes Sprichwort. Die Fliege war in diesem Fall eine Zehnpfennig – Briefmarke, die ich in meiner Brieftasche entdeckte. Ich klebte sie auf die kleine Verletzung des Schlauches, legte den Reifenmantel darüber, und tatsächlich hielt diese primitive Reparatur tadellos. Freudig schwang ich mich wieder in den Sattel und sauste mit offener Auspuffklappe davon.
Es begann bereits die Dämmerung, als in der Nähe eines Sumpfes Nebel aufzog. Gleich darauf wurde der Gang meines Motors immer matter. Ich trat kräftig in die Pedale. Und tatsächlich: als ich die Nebelschwaden passiert hatte, erholte sich der Motor von selbst. Sein primitiver Vergaser konnte eben Nebel nicht vertragen – das war alles.
Die Dunkelheit senkte sich immer mehr herab, aber die Wälder nahmen kein Ende. Notgedrungen hielt ich an zog meine Karbidlampe aus dem Rucksack. Nachdem ich sie am Laternenhalter befestigt hatte, zündete ich sie an. Wenige Kilometer später brach infolge der fortgesetzten Erschütterungen der Halter, und aus war es mit dem Licht. Was blieb mir weiter übrig, als in voller Dunkelheit, die nur durch die Stichflamme des Auspuffs notdürftig erleuchtet wurde, weiterzufahren.
Ob ich nun 5 oder 15 Kilometer so mit scharf angespannten Nerven dahin gefahren war, konnte ich nicht mehr abschätzen. Plötzlich jedenfalls begann mein Motor zu knallen: Kein Betriebsstoff mehr im Tank, und der Reservekanister bereits aufgebraucht! Das war eine verzweifelte Lage. Am schlimmsten war, dass ich keine Ahnung hatte, wie weit ich schon gekommen war. Da erblickte ich mit einem Male rechts von mir Licht, das aus einem soeben geöffneten Fenster kam. Auf meine Frage, wo ich mich denn befände, hörte ich die himmlische Botschaft: vor dem ersten Haus von Lübben! So etwa muss es sein, wenn einem armen Schächer angesichts des Galgens plötzlich Gnade gewährt wird.
Ich schob meine Maschine, total erschöpft und von starken Rückenschmerzen gepeinigt, zum nächsten Gasthof, wo ich übernachtete, nicht ohne Sorge, wie ich am kommenden Sonntag morgen Benzin herbeischaffen könnte. Der freundliche Gastwirt wusste jedenfalls von keiner Benzin quelle in der Stadt. So blieb anderntags nur noch eine Rettung: die Apotheke! Zuerst war der alte, griesgrämige Apotheker unzugänglich. Aber auf die Dauer konnte er sich meinem inständigen Bitten doch nicht verschließen, und so überließ er mir aus Gnade und Barmherzigkeit für den „Freundschaftspreis“ von einer Goldmark pro Liter drei Liter des kostbaren Saftes. Für diese drei Goldmark hätte ich mir damals einen ganze Hasen oder eine Gans kaufen können! Immerhin war ich glücklich, dass ich so die letzten Kilometer zum Marktplatz von Lübbenau hinter mich bringen konnte. Dort traf ich auch tatsächlich die Klubkameraden aus Berlin, die mich sofort mit frischem Sprit versorgten, nachdem sie über den wucherischen Apotheker weidlich geschimpft hatten.
Als ich dann mit meinen Sportfreunden im Kahn durch den schönen Spreewald fuhr, die Sonne über uns lachte und so manches Glas Bier durch die Kehle rann, da waren bald die Strapazen der Fahrt vergessen.
(Gefunden von Dietmar Haarbach)










