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aktuelles Amtsblatt Ausgabe Nr. 4/2012 vom 16.05.2012

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Der lange Weg zum Vororttarif

Der lange Weg zum Vororttarif

Im Oberbarnimer Kreiskalender aus dem Jahre 1939 ist nachzulesen: „Am 15. Mai 1938 wurde in Werneuchen der Schlussstrich unter einen Aktenvorgang gesetzt, der nicht nur ein Stück Geschichte für Werneuchen bedeutet, sondern mit einer Eindringlichkeit ohnegleichen die politische Situation seit dem Kriege in Deutschland beleuchtet, deren trostlose Auswirkungen sich beim Lesen der immer wiederholten Petitionen, der Berichte, Niederschriften und Versammlungsprotokolle offenbaren.“ So aufgeschrieben von Fritz Zimmermann.
Den langen Weg bis zum Erreichen des Vororttarifes schildert er dann folgendermaßen:
„Mit Wirkung vom 15. Mai 1938 wurde auf der Strecke Berlin – Werneuchen der Vororttarif eingeführt und der „Entwurf zum Sommerabschnitt des Jahresfahrplanes 1938/39“ ist das Schlussdokument des Aktenstückes „Vorortverkehr bzw. Tarif Berlin – Werneuchen“, das mit einem „schuldiger Ehrerbietung“ von den damaligen Werneuchener Bürgermeister unter dem 27.02.1922 an den Eisenbahnverkehrsminister gerichteten Schreiben beginnt. Im Hinblick auf die Notlage der Stadt und besonders der „vielen Berliner Siedler und Kolonisten“, die täglich zur Arbeitsstätte nach Berlin fahren, wurde in der Eingabe gebeten, den Vorortverkehr oder wenigstens den Vororttarif bis Werneuchen einzuführen. Obwohl die „hohen Herren“ sich nicht einmal zur Beantwortung dieses Hilferufes bereitgefunden hatten, ließ man den Mut nicht sinken und setzte sich – eingedenk des Sprichwortes von Methusalem und dem Berge – in den „Fernzug“ nach Berlin, um den Minister persönlich aufzusuchen. Dieser war aber nicht im Ministerium anwesend, sondern weilte im Reichstage, um einer Sitzung über Eisenbahntarifangelegenheiten beizuwohnen. Die Gelegenheit konnte man nicht vorübergehen lassen und so fuhr denn der Bürgermeister und sein Begleiter, der Vorsitzende des Bürgervereins, in das Haus, das „Dem Deutschen Volke“ geweiht war. Der Herr Minister bedauerte indes, die Herren nicht empfangen zu können, da er bei den wichtigen Verhandlungen nicht abwesend sein könnte und sandte seinen technischen Dezernenten. Nach längeren Verhandlungen schien dieser von der Dringlichkeit überzeugt zu sein und versprach, dem Minister zu berichten. Die Werneuchener Abordnung wollte aber sicher gehen und ließ sich noch in einer Sitzungspause bei dem Vorsitzenden des die Tarifangelegenheiten im Reichstage bearbeitenden Ausschusses melden. Auch dieser wurde vollkommen überzeugt, versprach mit dem Minister zu sprechen und den Antrag auf die nächste Tagesordnung zu setzen. So lesen wir denn in dem Programm des Reichstages I. Wahlperiode 1920/22 unter Nummer 645 vom 23.03.1922:
Der Ausschuss wolle beschließen folgende Entschließung anzunehmen:
„Der Reichstag wolle beschließen: die Reichsregierung zu ersuchen, schleunigst in die Prüfung der Frage einzutreten, inwieweit der Vororttarif auszudehnen ist, insbesondere auf Orte, in denen durch die hohen, den Verkehr mit dem Zentralort erschwerenden Fahrkosten eine Entwertung des Haus- und Grundbesitzes und eine Erschwerung der Siedlung herbeigeführt wird.“
Ob man aus den vielen Entschließungen herausgefunden hat, ist zweifelhaft; jedenfalls steht in den Akten vermerkt, dass der Antrag angenommen wurde. In Werneuchen herrschte ob dieses Erfolges eitel Freude und alle hätten wohl bei der nächsten Wahl die Reichstagsabgeordneten gewählt, mit denen man verhandelt hatte, wenn man nicht bald erfahren hätte, dass man nur einen Scheinerfolg errungen hatte, denn die Einführung des Vororttarifes bzw. Verkehres ließ weiter von Jahr zu Jahr auf sich warten. Stadtväter, Bürgermeister, Referenten und Minister kamen und gingen. Nur eines blieb konstant: die immer mehr steigende Not der Bevölkerung des Berliner Ostens.
Dem Zug der Zeit folgend gründete man nun Vereine und Verbände und versuchte in öffentlichen Versammlungen und in Ausspracheabenden wie durch öffentliche Proklamationen und Unterschriftensammlungen durch die Zahl der Masse das zu erreichen, wofür bisher vergebens gekämpft worden war. Aber die Antworten der Regierungsstellen waren immer die gleichen: „die schlechte finanzielle Lage der Reichsbahn“, „unter den derzeitigen wirtschaftlichen Verhältnissen ist die Eisenbahnverwaltung nicht in der Lage, so große Baukosten und gleichzeitige Einnahmeausfälle zu übernehmen“, „mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, die Einnahmen der Reichsbahn ihren Ausgaben anzupassen“, die Anzahl der bisher beförderten Personen läst die Einrichtung des Vorortverkehrs nicht zu“ usw. Alles oft widerlegte Einwände. So blieb denn die Kuriosität bestehen, dass es Orte um Berlin herum gab, die 40 Kilometer weit von Berlin entfernt waren und von denen man mit dem Vorortzug Berlin erreichen konnte, während man von Werneuchen, das nur 25 Kilometer vom Berliner Rathaus entfernt liegt, den Fernzug besteigen musste, um nach Berlin zu gelangen. Hierüber schrieb das „Oberbarnimer Kreisblatt“ in Nr. 138 vom 16.04.1934: „…Bedenkt man, dass man beinahe von der äußersten Südwestgrenze Berlins mit der U-Bahn, also für 25 Pf. bis zur Stadtmitte gelangen kann, dann versteht man erst recht, warum sich Werneuchen so hartnäckig – und hoffentlich bald mit Erfolg – dagegen wehrt, bei nahezu gleicher Entfernung, den Fahrkosten wie auch der Häufigkeit der Verbindung nach, behandelt zu werden, wie wenn es 40 km von der Reichshauptstadt entfernt läge.““
Den politischen Verhältnissen entsprechend, betonte er nachdrücklich, wie schlecht die damals Regierenden doch die Interessen der Bevölkerung vertreten hätten und streicht die Aktivitäten der neun Machthaber in Werneuchen stark heraus. Was man vorher in 25 Jahren nicht geschafft hätte, wurde nun in sechs Jahren „konsequenter Arbeit“ erreicht. Dabei beleuchtet er allerdings mit keinem Wort, das Werneuchen 1937 Garnisonsstadt wurde und möglicherweise ganz andere Kräfte wirkten, die den Vororttarif für Werneuchen sicherten. Immerhin stieg die Einwohnerzahl schlagartig auf das Doppelte und viele Militärangehörige nutzten selbstverständlich das reichhaltige Angebot von Kultur- und anderen Freizeitangeboten in Berlin. Die Bevölkerung sollte vielleicht auch hiermit weiter positiv auf das Militärwesen eingestimmt werden. Die wirtschaftlichen Vorteile, die sich mit der Fliegerschule verbanden, waren nicht zu übersehen. Arbeitsplätze waren ebenfalls reichlich vorhanden. Die Stimmung der Bevölkerung an einem Militärstandort musste positiv beeinflusst werden um auch in Kriegszeiten keine Unruhen auszulösen.


Wolfram

Zugtaufe auf den Namen Werneuchen am 11.11.2004
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