Inhaltsbereich
Geschichte WERNEUCHEN 1247–2022 Spurensuche in mehr als 775 Jahren Ortsgeschichte

aaa
AUS DEM DUNKEL DER GESCHICHTE
Die ersten schriftlichen Erwähnungen finden sich in zwei Urkunden aus dem Jahr 1247, in denen der Pfarrer „Johann de Warnowe“ mit seiner Unterschrift einen Vorgang bezeugt, der mit „Werneuchen“ zunächst nichts zu tun hat.
Es war damals üblich, bekannte Persönlichkeiten als Zeugen für rechtliche Bestimmungen und Vereinbarungen zu benennen. Diese Ersterwähnung bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als dass der Ort namens Warnow zu diesem Zeitpunkt bereits bestand – in welcher genauen Form auch immer. 1247 ist somit nicht das Gründungsjahr. Mit einiger Sicherheit ist davon auszugehen, dass schon längere Zeit vor dieser Erwähnung, auf dem Gebiet der heutigen Stadt, eine Wendensiedlung bestand. Ebenso wenig beinhaltet die urkundliche Ersterwähnung die vollständigen Stadtrechte. Diese kamen erst nach und nach hinzu, was die regionale Bedeutung des mittelalterlichen Städtchens und dessen Einnahmen in mehrfacher Hinsicht steigern sollte: Hierzu gehören ab 1315 das Recht, Zölle auf Handelswaren zu erheben oder, seit 1357, die „Wröhe“ abzuhalten. Bis in die Zeit der preußischen Reformer halten ausgewählte männliche Bürger bei diesem Rechtsbrauch auf dem Kirchplatz Gericht über Flurstreitigkeiten.
aaa
WAS BEDEUTET DER NAME „WERNEUCHEN“?
Der Stadtname leitet sich ab von „Warnow“, was im Alt-slawischen soviel wie „Feste“ oder „Wachturm“ bedeutet. Hieraus ist zumindest auf die Existenz eines zu Wehrzwecken „befestigten Platzes“ zu schließen. Dennoch bleibt im Nebel der Geschichte, was „Warnow“ konkret war – ein ganzes Dorf, eine kleine Ansiedlung oder nur ein einzelnes Gehöft? – und wo genau lag „Warnow“ überhaupt? In späteren Schriftstücken finden sich für den Ort an der Stienitz auch die Bezeichnungen Wernow, Wernöwchen, Nyenbernowe („Neu-Bernau“) oder Bernowicken.
aaa
WERNEUCHEN IM STURM DER ZEITEN
Um 1350 erreicht die Pest Werneuchen. Viele Bewohner sterben. Der Großteil der Felder kann infolge der fehlenden Arbeitskraft weder bestellt noch geernet werden, Hunger ist die Folge. Ganze Landstriche veröden, europaweit fällt wohl jeder Dritte der Seuche und ihrer Folgen zum Opfer. Auch die Bedeutung Werneuchens nimmt in der Folgezeit ab. Kaum haben sich die Stadt und ihr Umland etwas erholt, brennen böhmische Hussiten 1432 alles nieder. Die totale Zerstörung aller Wohn- und Wirtschaftsgebäude wiederholt sich 1637 im Dreißigjährigen Krieg. Während der anti-napoleonischen Freiheitskriege wird Werneuchen zum Schauplatz einer erinnerungswürdigen Nebenepisode: Russische Truppen verfolgen die Reste der geschlagenen Grande Armée über die Oder in Richtung Berlin. Am 18. Februar 1813 liefern sich in Blumberg Kosaken zu Pferden und süddeutsche Infanteristen in französischen Diensten ein Scharmützel. Dabei fällt der auf russischer Seite kämpfende 26-jährige preußische Leutnant Otto von Arnim. Er wird nach Werneuchen gebracht und dort beerdigt, Dichterpfarrer Schmidt hält die Grabrede (siehe „Werneuchen als Kirchenstandort“). Neben St. Michael befindet sich der 1913 eingeweihte Gedenkstein 23 aus Granit. Von Arnim, offiziell der erste Kriegstote im preußischen Befreiungskrieg, wird nun, am Vorabend des 1. Weltkrieges, zum Propaganda-Helden stilisiert.
Zwischen 1914 und 1918 fallen von den rund 350 eingezogenen Werneuchenern 52 Mann. An sie erinnerte ein Ehrenmal 24 an der heutigen Landsberger Straße 6a. Dieses Denkmal wird jedoch 1950 aus propagandistischen Gründen umgewidmet. An der Werneuchener „Heimatfront“ breitet sich ab Januar 1917 eine schwere Hungersnot aus, es fehlt an Kartoffeln und Brot. Die Konkurrenz um die knappen Lebensmittel wird verstärkt durch Berlinerinnen und Berliner, die in den umliegenden Landgemeinden Nahrungsmittel nachfragen – und dafür jeden Preis zu zahlen bereit sind.
Im Frühjahr 1945 rückt die Rote Armee auf Berlin vor. Werneuchen erleidet dabei, anders als viele Städte und Gemeinden östlich und nördlich von Berlin, nur vergleichsweise moderate Zerstörungen. Kurz nach Kriegsende installiert der sowjetische Geheimdienst NKWD in Weesow das „Speziallager Nr. 7“, in dem tausende tatsächliche oder vermeintliche Kriegsverbrecher oder Profiteure des nationalsozialistischen Regimes interniert werden. Das Lager wird später nach Sachsenhausen bei Oranienburg verlegt.
Die frühere Jagdfliegerschule wird bis 1993 weitergenutzt. Stationiert sind Kampfjets und Hubschrauber der sowjetischen 16. Luftarmee, die jahrzehntelang für infernalischen Lärm sorgen. Auf dem heutigen Sonderlandeplatz landen nur Sportflugzeuge.
aaa
VERKEHRSKNOTEN ZWISCHEN WEST UND OST
Warum ließen sich vorgeschichtliche Menschen an der Stelle des heutigen Werneuchens nieder? Ein wesentlicher Grund, so ist anzunehmen, ist ein Gewässer: Die Stienitz heute eher ein Fließ als ein Bach oder gar Fluss, führte früher wesentlich mehr Wasser und war sehr fischreich. Auf ihr gelangte ein mittelalterlicher Werneuchener bis an den Zusammenfluss von Dahme und Spree in Köpenick und von dort weiter zu den Ober- und Unterläufen vieler Gewässer im Norden, Westen und Süden Brandenburgs. In einer Zeit, in der es wenige, aber dafür gefährliche und unwegsame Straßen gibt, ist das ein entscheidender logistischer Vorteil. Über die Stienitz können so Waren zu entfernteren Märkten transportiert werden.
Zudem führen zwei wichtige Handels- und Heerstraßen durch das mittelalterliche Werneuchen, eine aus dem Havelland nach Pommern, die andere von Schlesien nach Mecklenburg. In Kriegs- oder Seuchenzeiten ist diese exponierte Lage eher nachteilig, da feindliche Truppen und Krankheitserreger diesen Weg nehmen.
Zwischen 1802 und 1826 wird die Chaussee Berlin-Freienwalde angelegt, die heutige Bundesstraße 158. Die Chaussee verbindet die preußischen Residenzen in Potsdam, Charlottenburg und Berlin in Richtung Freienwalde und weiter über die Oder bis nach Danzig, Bromberg und Königberg.
Die „Kunststraße“ ist auch bei schlechtem Wetter befahrbar und soll den Austausch von Personen und Nachrichten beschleunigen. Der Post- und Reiseverkehr nehmen sofort zu, eine wichtige Raststation ist Werneuchen, wo sehr bald Gast- und Beherbergungsstätten aufblühen. Auch die preußische Königin Luise, auf ihrer Flucht vor Napoleon, legt 1807 hier Rast ein. Theodor Fontane bemerkte zu der Bedeutung, die die Chaussee für die weitere Entwicklung des Handels und Gewerbes im Werneuchen des frühen 19. Jahrhundert hatte:
aaa
„Werneuchen gehörte wie Zossen, Trebbin, Baruth u.a.m. zu jenen bevorzugten Örtern [sic], die sich […] in jener kurzen Epoche, die zwischen dem Sandweg und dem Schienenweg lag und die man das Chaussee-Interregnum nennen könnte, zu einer gewissen Reputation emporarbeiteten.“
(Th. Fontane, 1882)
a
1898 wird Werneuchen an die Bahnlinie Berlin-Wriezen angeschlossen. Das bisher eher ruhige Barnimstädtchen ist fortan direkt mit der Berliner Innenstadt verbunden. 1912 werden am Bahnhof Werneuchen nicht weniger als 777.000 Passagiere gezählt, was rund 2.130 Passagieren am Tag entspricht. Neben dem Bahnhof Werneuchen befindet sich bis heute das Bahnhofsrestaurant. Viele Werneuchener pendeln zu dieser Zeit bereits zur Arbeit in die Reichshauptstadt, noch viele mehr nutzen die Gegenrichtung: Die brodelnde Industriemetropole hinter sich lassend, wo Rußwolken den Himmel verdunkeln und schattig-feuchte Hinterhofwohnungen auf das Gemüt drücken, strömen Berlinerinnen und Berliner über Werneuchen nach Tiefensee und den dort gelegenen Gamengrund.
Die verkehrsgünstige Lage Werneuchens begünstigt weiteren Zuzug: Zwischen 1910 und 1930 entstehen mit den neuen Siedlungen Werneuchen-Ost, Stienitzaue, Amselhain und Rudolfshöhe komplett neue Ortsteile. Viele Menschen ziehen aus Berlin, wo Wohnungsmangel herrscht, in die Neubauten auf der grünen Wiese.
1937 erhält Werneuchen – nach jahrelangem Hin und Her – den Berliner Vorort-Tarif, wodurch sich die Fahrpreise deutlich reduzieren. Bis heute liegt die Stadt im Geltungsbereich der C-Zone. Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhoffte Heranwachsen an Berlin bleibt jedoch aus: Eine auf Berlin bezogene Suburbanisierung – vergleichbar mit anderen Landgemeinden und Landstädten entlang der Berliner Vorortbahnen – findet in Werneuchen nicht statt.
aaa
STADT DES HANDELS UND WANDELS
Archäologische Ausgrabungen auf dem städtischen Grundstück Altstadt brachten 1993 urgeschichtliche, römisch-antike, mittelalterliche und neuzeitliche Fundstücke zum Vorschein. Daraus lässt sich schließen, dass bereits die „Proto-Werneuchener“ am Warenaustausch mit weit entfernten Regionen teilnahmen. Zudem liefern diese Artefakte weitere Belege dafür, dass dieser Ort bereits weit vor der Ersterwähnung besiedelt gewesen sein muss.
Die 1896 errichtete Dampfmühle Lehmann an der Beiersdorfer Straße ist der größte Betrieb im Ort. Sie hat einen eigenen Gleisanschluss. 1945 wird Willi Lehmann-Schmidtke, Eigentümer und Stadtverordneter, in Weesow interniert. Er stirbt 1946 in Sachsenhausen.
1247, als Johann de Warnowe die Urkunden unterzeichnet, ist eine Zeit des Umbruchs. Seit Anfang des 13. Jahrhunderts, nach fast 200 Jahren erbittertem Kampf mit den heidnischen Slawen und Wenden östlich von Elbe, Saale und Havel, wird der Barnim von Westen her erschlossen. Die Brandenburgischen Markgrafen auf ihrem Herrschaftssitz in Brennabor, dem heutigen Brandenburg an der Havel, werben Bauernfamilien aus dem Rheinland, Franken oder Thüringen an, lassen Wälder roden und Felder sowie Dörfer anlegen. Beaufsichtigt und gelenkt von adligen Lehnsherren und der Kirche, entstehen in jener Zeit neben „Wernow“ auch Eberswalde, Frankfurt, Prenzlau, Cölln und Berlin, wie auch die heutigen Ortsteile Werneuchens.
1666 gelangt die Stadt in den Besitz des Reichsgrafen von Schwerin. Dieser erneuert einige Stadtprivilegien, aus dieser Zeit stammt auch das Wachssiegel der „civitatis Wernowensis“, so die damals übliche Bezeichnung in lateinischer Sprache, mit einer ausladenden Linde in grün, die auch das heutige Stadtwappen ziert. 1717, Werneuchen ist mittlerweile aus Schwerin`schem Besitz in ein preußisch-königliches Amt umgewandelt worden, gewährt der König Friedrich Wilhelm I. Werneuchen das Privileg, pro Jahr zwei Jahrmärkte abzuhalten. Sie finden statt in der Mitte des Ortes gegenüber der Kirche, dem heutigen Platz Am Markt – der fälschlicherweise gelegentlich als Marktplatz bezeichnet wird. Aus dieser Zeit stammt das Fachwerkhaus Am Markt.
Um 1740 erbaut, ist es eines der ältesten Wohnhäuser der Stadt und macht die ursprüngliche Bebauung am Markt erkennbar. Während die Toreinfahrt im April 1945 zerstört wurde, sind die Hofpflasterungen, das Feldsteinmauerwerk im Keller, die Lehm-Stroh-Balkendecke und das Sparrendach mit Biberschwänzen erhalten geblieben. Die Gebäudehülle wurde 1998 denkmalgetreu wiederhergestellt.
Die „Franzosenzeit“ zwischen 1806 und 1813 lähmt die wirtschaftliche Entwicklung. In den darauffolgenden Jahrzehnten nimmt die Wirtschaft Fahrt auf, die Werneuchener Landwirte verkaufen ihre steigenden Erträge an Getreide, Gemüse, Fleisch, Milch und Futtermitteln zunehmend in das wachsende Berlin. Auch ist eine Ansiedlung von Handwerkern auffällig, eine Papierfabrik wird errichtet. Es entsteht die Dampfmühle Lehmann und in der Breite Straße die Schmiede. Diese wurde im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts als schlichter Feldsteinbau errichtet. Im Inneren des Gebäudes hat sich die schlichte Raumstruktur, auch die große Schmiedeesse und ein Blasebalg aus der Bauzeit erhalten. Das stadtgeschichtlich wichtige Gebäude wurde 2014 mit Städtebaufördermitteln saniert.
In der Altstadt gibt es 1850 nur ein Wohnhaus in Massivbauweise, alle anderen bestehen aus Fachwerk und haben zumeist Strohdächer. Die wenigen Straßen Werneuchens sind ungepflastert. Der Neubau der Werneuchener Kirche symbolisiert somit den Aufbruch in eine Phase weitgreifenden wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts und Aufschwungs, die bis 1914 anhält. Neben dem Bahnanschluss nach Berlin und in Richtung Oderbruch zählen hierzu die Errichtung eines Elektrizitätswerks in 1906 und die dadurch mögliche elektrische Straßenbeleuchtung, die Entstehung neuer Wohnsiedlungen ab 1910 und die Einrichtung des ersten öffentlichen Telefonfernsprechers ab 1911. Die allgemeinen wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen verbessern sich während dieser Zeit nachhaltig.
Um 1925 zählt die Stadt Werneuchen rund 2.300 Einwohner. Von den 1899 Hektar Stadtgebiet sind 1633 Hektar Acker und 118 Hektar Wald, was die Charakterisierung Werneuchens als „Ackerbürgerstadt“ zulässt. Einkommen und Wohlstand beziehen die Einwohner jener Zeit aus der Verarbeitung und Veredelung land- und forstwirtschaftlicher Rohstoffe. Es produzieren zwei Sägewerke (Elisabethmühle und Konkordiamühle), die Dampfmühle Lehmann, die Zementsteinfabrik Tiebel und es gibt 13 Gast- und Schankwirtschaften. Die Werneuchener definieren sich im Wesentlichen über die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Klasse oder eines Berufsstandes. Sie kommen zusammen in Vereinen wie dem Werneuchener Landwehr-Verein, der Schützengilde, dem Radfahrverein, dem Beamten Ortskartell, dem Männerturnverein und dem Motorclub, der als der erste in ganz Deutschland gilt.
Als Folge der Weltwirtschaftskrise nehmen in Werneuchen um 1930 schiere Not, Hunger und Elend überhand. Der damalige Ratsherr Zimmermann schreibt von „völlig zerrütteten“ städtischen Finanzen, von drückenden Schulden und dass „von etwa 3000 Einwohnern etwa 400 ständige Arbeitslose“ seien. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten werden auch in Werneuchen umfangreiche staatliche Bautätigkeiten realisiert, die die Wirtschaftskrise bald vergessen lassen. Nach den Schilderungen Zimmermanns werden im Werneuchen der 1930er Jahre das städtische Wasserwerk, eine Badeanstalt und ein neues Schulgebäude errichtet, Straßen gepflastert, der Stadtplatz angelegt und zwei Getreidegroßsilos in Bahnhofsnähe gebaut.
Im Zuge der wehrwirtschaftlichen Aufrüstung nimmt die Luftwaffe 1937 den Flugplatz Werneuchen und die Jagdfliegerschule in Betrieb. Zeitweise verdoppelt sich die ansässige Bevölkerungszahl durch die aus allen Teilen des Großdeutschen Reiches hierher kommandierten Luftwaffen-Fluglehrer, Flugschüler, Mechaniker, Funkerinnen und Funker sowie einzelne Familienangehörige.
Am 2.10.1941 stürzt Luis Moreno-Abella über Werneuchen ab. Er ist der Sohn des Bürgermeisters von Madrid. In Werneuchen werden zu dieser Zeit Kampfpiloten verbündeter Staaten ausgebildet, etwa aus Spanien, Japan und Bulgarien. Schon die Ausbildung endet für viele angehende Kampfpiloten tödlich: In einigen Ausbildungsgängen stürzen bis zu 25 Prozent der Flugschüler ab.
Der Zuzug von Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten verschärft ab Sommer 1945 die Wohnungsnot, Nahrung ist knapp. Werneuchener Unternehmer werden enteignet, einige in die Sowjetunion deportiert. Schrittweise wird vor und nach der Gründung der DDR in 1949 die Kollektivierung und „Sozialisierung“ von Landwirtschaft und Gewerbe nach sowjetischem Vorbild forciert.
Entlang der Ausfallstraßen Werneuchens werden neue Grundstücke parzelliert und mit neuen Wohnhäusern bebaut, noch im Jahr 1945 wird ein Kindergarten eingerichtet. In den 1950er und 1960er Jahren entstehen größere volkseigene Agrarbetriebe, so die Maschinenausleihstation, der Saat- und Pflanzgutbetrieb, der Volkseigene Betrieb Karosseriebau, das Volkseigene Gut Obstbau und die Milchviehanlage. In den 1960er Jahren wird das Großtanklager Seefeld errichtet, um in der Raffinerie Schwedt produzierten Treibstoff zu speichern.
1990 markiert einen neuen Wendepunkt: Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik und der Gründung des Landes Brandenburg endet abrupt die bisherige Plan- und Kollektivwirtschaft. Auch in Werneuchen werden die volkseigenen Betriebe geschlossen und abgewickelt, viele Arbeitsplätze gehen zunächst verloren. In Seefeld entsteht ab 1992 ein rund 35 Hektar großes und heute vollbelegtes Gewerbegebiet, in Weesow und Willmersdorf hat der Energiekonzern EnBW zum Jahresende 2020 auf 164 Hektar den bis dato größten Solarpark Deutschlands errichtet und so eine Leistung von rund 187 Megawatt an das Stromnetz angeschlossen.
Heute ist Werneuchen ein nachgefragter Wohnort. Schnell erreicht man per Bahn, wie schon seit 1898, das Zentrum Berlins. Über die B158 gelangt man zügig auf den Berliner Autobahnring und von hier weiter in Richtung Ostsee, Hamburg oder Sachsen. Die „Giga-Factory“ des US-Autobauers Tesla in Grünheide ist nur vier Ausfahrten auf dem Berliner Autobahnring entfernt. Für die gemeinsame Landesplanung der Länder Brandenburg und Berlin liegt Werneuchen auf einer der Entwicklungsachsen, die strahlenförmig von der Bundeshauptstadt in die Mark hineinwachsen und auf der sich Gewerbe- und Wohnorte bevorzugt ansiedeln sollen. Beste Voraussetzungen also für die nächsten 775 Jahre.
aaa
WERNEUCHEN ALS KIRCHENSTANDORT
In der Schulstraße 3 befindet sich die Kirche St. Michael. Der neogotisch-historisierende Ziegelbau wurde 1875 nach zweijähriger Bauzeit vom Ortspfarrer Hermann Boit eingeweiht. Vorgänger-Bauten, die sich seit mindestens 1247 an ungefähr gleicher Stelle befanden, wurden im Laufe der Jahrhunderte zerstört, geplündert, gebrandschatzt (1432 und 1637), andere wurden schlichtweg zu klein. Aus diesem Grund beschließt der Werneuchener Magistrat um 1870 den Neubau der Kirche, der Auftrag dazu geht an Maurermeister Gerhardt aus Alt-Landsberg. Dieser übernimmt den Chorraum aus dem 13. Jahrhundert, das Netzrippengewölbe aus dem 16. Jahrhundert und für das neue Mauerwerk Back- und Feldsteine aus der alten Kirche. Mit seinen 35 Metern überragt der Kirchturm bis heute alle anderen Gebäude Werneuchens, das Getreidesilo ausgenommen. 1860 skizziert der Schriftsteller Theodor Fontane die um 1735 errichtete alte Kirche. Die Zeichnung ist erhalten, ebenso seine Schilderung Werneuchens:
aaa
„Inmitten des Barnim, halben Wegs zwischen Berlin und Eberswalde, liegt das Städtchen Werneuchen. Ich sage Städtchen, um dem Lokalpatriotismus seiner Bewohner nicht zu nahe zu treten, die das Beiwort `Stadt` für ironische Übertreibung und die Bezeichnung `Flecken` als Mangel an Respekt ansehen möchten.“ (Th, Fontane, 1882)
aaa
VON WERNEUCHEN BIS NACH WEIMAR
Von 1795 bis 1838 war Friedrich Wilhelm August Schmidt (1764- 1838) Pfarrer in Werneuchen. In den Jahren seiner pastoralen Tätigkeit schrieb er zahlreiche Gedichte, die zu lesen und zu rezensieren selbst Johann Wolfgang von Goethe nicht umhinkam. Der Werneuchener Pfarrer geht dank seines umfangreichen lyrischen Werkes als „Schmidt von Werneuchen“ oder „Dichterpfarrer“ in die Literaturgeschichte ein. Während seine Zeitgenossen eher in romantisch-idealisierenden Sphären dachten und dichteten, beschrieb Schmidt die ländliche Natur im Havelland und im Barnim sowie die damaligen Lebensumstände etwas realistischer.
Bevor in den 1930ern die St. Josefs-Kirche gebaut wird, gehen die wenigen katholischen Werneuchener zur Messe nach Wriezen, die Werneuchener jüdischen Glaubens in die Synagogen in Strausberg oder Altlandsberg. Neben der Kirche, Am Markt 5, befindet sich seit jeher der Friedhof. Nebenan befindet sich das Pfarrhaus. Linkerhand befindet sich das ehemalige Pfarr- und Wohnhaus des „Dichterpfarrers“, rechts daneben seine Grabstelle. Im hiesigen Kulturhaus „Adlersaal“ – eingerichtet an der Stelle des früheren gleichnamigen Gasthauses – ist ihm seit 2014 ein kleines Museum, das „Schmidt-Zimmer“ gewidmet. Es wurde kuratiert von Dr. lic. thol. Thomas Raveaux.
Kurbrandenburg im 14. bis 16. Jahrhundert. Quelle: Landesarchiv Brandenburg
Kriegerdenkmal in den städtischen Anlagen im Jahr 1928. Es wird um 1950 umgewidmet und erinnert heute an alle Opfer des Faschismus.
Großer Bahnhof anlässlich des Anschlusses Werneuchens an das Bahnnetz1898. Auf dem Banner steht: 'Die lang ersehnte Stunde für Werneuchen endlich schlug. Es tönt aus aller Munde Heut kommt der erste Zug.'
Quelle: Heimatheft Verlag Werneuchen
Dampfsägewerk H. Büttner & Co. um 1907. Nur ein Jahr später bricht im Maschinenhaus ein großes Feuer aus. 1927 geht Werneuchens zweitgrößter Betrieb, nun als Elisabethmühle firmierend, bankrott.
Foto: Heimatheft Verlag Werneuchen
Ross und Reiter an der Straßenecke Mühlenstraße-Altstadt um 1935. Pferde sind im Ortsbild bis in die Nachkriegszeit allgegenwärtig. Foto: privat
Geschichte WerneuchenDer Motorclub Werneuchen wird 1906 als Ortsgruppe der Deutschen Motorradfahrervereinigung gegründet. Diese ist eine Vorläuferin des heutigen ADAC. Foto: Heimatheft Verlag Werneuchen
DasVolkseigene Gut Obstbau Werneuchen in der Freienwalder Chaussee um 1985. Heute werden hier Fruchtzubereitungen von der italienischen Firma Zuegg Fruchtzubereitungen produziert. Foto: privat
Ein Bild vom kollektiven Fortschritt im sozialistischen Werneuchen verschafft sich der nord-vietnamesische Staatspräsident Ho Chi Minh, der im Sommer 1957 die örtliche Maschinenstation und die LPG besucht. 1959 helfen Angehörige der chinesischen Botschaft in der DDR dabei, die letzten Kartoffeln in der LPG Blumberg zu lesen.
Ansicht der zwischen 1873 und 1875 errichteten Kirche St. Michael vom Kirchplatz Koloriert. Quelle: C. Köppen Verlag, Werneuchen, 1919
Das aus wilhelminischer Zeit stammende Haus an der Berliner Allee 16 repräsentiert Wohlstand und den Aufbruch in eine neue Zeit. Foto: Verlag H. Borschardt, 1908
aaa
Die Broschüre 'Werneuchen 1247-2022 Spurensuche in mehr als 775 Jahren Ortsgeschichte' erhalten Sie gegen eine Schutzgebühr von 2 Euro im Bürgerbüro im Rathaus.
QUELLENVERZEICHNIS
nach einem Text von Thomas Raveaux
Bethke, G. (1947): Stadtchronik Werneuchens.
Fontane, Th. (1882): Wanderungen durch die Mark Brandenburg – Spreeland. Neuauflage (1994), München: Nymphenburger Verlag.
Gemeinsame Landesplanung (2019): Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg (LEP HR). Berlin/ Potsdam.
Schmidt, R. (1925): Werneuchen – Weesow –Willmersdorf – Wegendorf – Wesendahl. In: Heimatkundliche Mitteilungen (im Auftrage des Kreisausschusses des Kreises Oberbarnim), Freienwalde.
Stolzenau, M. (2013): Verspottet und verlacht – Pfarrrer Friedrich Wilhelm August Schmidt aus Werneuchen stellt als Dichter das wirkliche Leben dar, in: Märkische Oderzeitung vom 28.03.2013.
Kuban, M. (2012): Werneuchen – Aus alter Zeit. Heimatkundliche Mitteilungen. Heimatheft Verlag Werneuchen Martin Kuban.